Ein Samstag, fünf Menschen und ein neues Dach fürs Möhrchenhotel
Es gibt Samstage, da schläft man aus.
Man frühstückt gemütlich.
Vielleicht fährt man irgendwo hin, geht wandern oder sitzt einfach vollkommen verantwortungslos mit einem Kaffee herum.
Und dann gibt es Samstage im Möhrchenhotel.
An diesem speziellen Samstag standen Jaime, Marion, Levin, Andreas und ich vor einem Dach und hatten einen Plan.
Das Ding kommt neu.
Was sollte schon schiefgehen?
Eine Frage, die man bei Bauprojekten grundsätzlich niemals stellen sollte.
Warum überhaupt ein neues Dach?
Das alte Dach hatte seine besten Zeiten ziemlich eindeutig hinter sich.
Und irgendwann kommt der Punkt, an dem „Das geht bestimmt noch eine Weile“ keine besonders überzeugende Strategie mehr ist.
Gerade im Möhrchenhotel müssen die Gebäude und Gehegebereiche schließlich zuverlässig vor Regen und Wetter geschützt sein.
Ein Dach ist dabei eher schlecht geeignet für kreative Interpretationen seiner eigentlichen Aufgabe.
Wasser:
draußen.
Kaninchen:
trocken.
Das war ungefähr die technische Spezifikation.
Also wurde aus einem Samstag ein Bautag
So standen wir schließlich zu fünft da:
Jaime.
Marion.
Levin.
Andreas.
Und ich.
Eine hochprofessionelle Dachdeckerfirma, deren Qualifikation hauptsächlich daraus bestand, dass wir alle erschienen waren.
Aber genau das liebe ich an solchen Aktionen.
Einer hält.
Einer schraubt.
Einer misst.
Einer sagt:
„Warte mal.“
Und mindestens einer fragt irgendwann:
„Wer hat eigentlich den Akkuschrauber?“
Meistens liegt er ungefähr 70 Zentimeter entfernt.
Bevor das neue Dach drauf konnte, musste das alte erst einmal runter
Und hier kommen wir zu einem kleinen Detail, das die Angelegenheit noch einmal deutlich unterhaltsamer gemacht hat:
Das alte Dach bestand aus asbesthaltigen Faserzementplatten.
Hurra.
Damit war ziemlich schnell klar:
Das wird keine Aktion nach dem Motto „Wir reißen das Zeug mal eben runter“.
Bei asbesthaltigen Baustoffen ist besondere Vorsicht notwendig. Die Platten dürfen nicht einfach zerschlagen, zersägt oder anderweitig bearbeitet werden, wodurch gefährliche Fasern freigesetzt werden könnten.
Entsprechend vorsichtig und möglichst staubarm musste das alte Material abgenommen, sicher verpackt und anschließend ordnungsgemäß entsorgt werden.
Und natürlich gehörte entsprechende Schutzausrüstung dazu.
Das führte wiederum dazu, dass wir fünf an einem eigentlich vollkommen normalen Samstag plötzlich in Schutzanzügen und mit Atemschutz vor dem Möhrchenhotel standen.
Optisch irgendwo zwischen:
professioneller Schadstoffsanierung und einer sehr schlecht finanzierten Folge Breaking Bad.
Fehlte eigentlich nur noch ein Wohnmobil in der Einfahrt.
Die Nachbarn hatten vermutlich Fragen.
Ich hätte sie verstanden.
So arbeiteten wir uns also Stück für Stück durch das alte Dach.
Vorsichtig lösen.
Platte abnehmen.
Nicht beschädigen.
Runtertragen.
Sicher ablegen und verpacken.
Und wieder hoch.
Es gibt Tätigkeiten, bei denen man bereits nach kurzer Zeit merkt:
Das hier wird heute kein entspannter Samstag mehr.
Besonders schön wird es übrigens, wenn man in kompletter Schutzmontur körperlich arbeitet.
Nach einer Weile entwickelt sich im Schutzanzug ein eigenes kleines Wettergebiet.
Temperatur:
ungefähr Oberfläche der Sonne.
Luftfeuchtigkeit:
Amazonas.
Stimmung:
überraschend gut.
Aber irgendwann war die letzte alte Platte unten.
Das asbesthaltige Material war sicher verpackt.
Und plötzlich stand da ein Gebäude ohne Dach.
Das ist übrigens der Moment bei einem Bauprojekt, an dem man sehr eindrucksvoll merkt:
Jetzt gibt es wirklich kein Zurück mehr.
Und dann gab es sogar Unterstützung von außen ❤️
So ein neues Dach besteht leider nicht nur aus Motivation, fünf freiwilligen Menschen und einer beachtlichen Menge Optimismus.
Material kostet Geld.
Und davon braucht man bei einem Dach erstaunlich viel.
Umso mehr habe ich mich darüber gefreut, dass Monika S. unser kleines Großprojekt sogar mit einer Spende unterstützt hat.
Das ist für mich alles andere als selbstverständlich.
Das Möhrchenhotel ist über die Jahre mit sehr viel Eigenleistung entstanden – Stück für Stück, Gehege für Gehege und offenbar inzwischen auch Dach für Dach.
Wenn dann jemand sagt: „Ich möchte euch dabei ein bisschen unterstützen“, bedeutet mir das wirklich viel.
Deshalb auch an dich, Monika: Vielen lieben Dank für deine Unterstützung! ❤️🥕
Ein kleines Stück dieses Dachs gehört damit irgendwie auch dir.
Fünf Menschen, fünf Arbeitsweisen
Gemeinsam bauen ist sowieso eine ganz eigene Form zwischenmenschlicher Forschung.
Es gibt Menschen, die vorher exakt messen.
Menschen, die noch einmal nachmessen.
Menschen, die sagen:
„Das passt.“
Und Menschen wie mich, die währenddessen bereits überlegen, was man anschließend noch alles umbauen könnte.
Letztere Personengruppe sollte aus finanziellen Gründen möglichst früh gestoppt werden.
Hat nicht funktioniert.
Ein Dach besteht erstaunlicherweise nicht nur aus „Dach“
Von außen sieht so ein Projekt herrlich einfach aus.
Altes Dach.
Neues Dach.
Fertig.
In meinem Kopf dauert das ungefähr 45 Minuten.
Die Realität beinhaltet dagegen Unterkonstruktion, Ausrichtung, Überlappungen, Befestigung, Kanten, Schrauben und ungefähr 400 kleine Entscheidungen, über deren Existenz man vorher nicht nachgedacht hat.
Und natürlich muss am Ende alles so sitzen, dass das Wasser später auch wirklich dort landet, wo es hingehört.
Nämlich nicht auf meinem Küchenboden.
Oder auf einem Kaninchen.
Die Anforderungen waren also hoch.
Und natürlich muss alles wieder zum Möhrchenhotel passen
Wenn ich schon etwas neu mache, gibt es leider ein kleines Problem.
Ich möchte meistens nicht einfach, dass es funktioniert.
Ich möchte, dass es richtig wird.
Praktisch.
Stabil.
Pflegeleicht.
Und wenn wir schon dabei sind, könnte man doch eigentlich noch …
Nein.
Stopp.
Wir waren beim Dach.
Genau so entstehen übrigens ungefähr 73 Prozent aller Projekte im Möhrchenhotel.
Was man auf den fertigen Bildern später nicht sieht
Das finde ich bei solchen Projekten immer wieder spannend.
Später sieht man ein Foto.
Darauf:
ein Dach.
Sieht gut aus.
Ist dicht.
Prima.
Was man darauf nicht sieht, sind die Stunden davor.
Das alte asbesthaltige Dach.
Die Schutzanzüge.
Das vorsichtige Abbauen und Schleppen.
Das Verpacken.
Das Material.
Das Messen.
Das Schrauben.
Das Werkzeug, das grundsätzlich gerade dort liegt, wo niemand steht.
Die Frage, ob das wirklich gerade ist.
Die zweite Frage, ob das wirklich gerade ist.
Das erneute Nachmessen.
Und diesen einen Moment, in dem fünf Menschen gleichzeitig auf dasselbe Bauteil schauen.
Schweigen.
Bis einer sagt:
„Joa.“
Das universelle deutsche Qualitätssiegel.
Das Möhrchenhotel entsteht eben nicht aus einem Katalog
Viele Bereiche hier sind nach und nach entstanden.
Sie wurden gebaut, verändert, verbessert und manchmal auch komplett neu gedacht.
Weil wir im Alltag merken, was funktioniert.
Und was vielleicht noch besser funktionieren könnte.
Ein Boden lässt sich schlecht reinigen?
Dann überlegen wir uns etwas.
Ein Bereich braucht besseren Wetterschutz?
Dann wird geplant.
Ein Gehege könnte praktischer werden?
Gefährlicher Gedanke.
Sehr gefährlicher Gedanke.
Denn meistens folgt darauf irgendwann ein Einkaufswagen im Baumarkt.
Und weil gute Menschen ruhig ein bisschen Werbung bekommen dürfen …
Bei Jaime muss ich an dieser Stelle noch etwas loswerden.
Denn wenn er nicht gerade seinen Samstag damit verbringt, mit uns Dächer fürs Möhrchenhotel zu bauen, repariert er beruflich Dinge, bei denen ich persönlich vermutlich nach fünf Minuten den Stecker ziehen und sagen würde:
„Ja. Kaputt.“
Jaime ist mit Santa Ursula Ansprechpartner für die Reparatur von Elektro- und Haushaltsgeräten – zum Beispiel Waschmaschinen und Spülmaschinen.
Und gerade in Zeiten, in denen bei einem Defekt gerne direkt das komplette Gerät ersetzt wird, finde ich den Gedanken ziemlich gut:
Erst einmal schauen, ob man es reparieren kann.
Wer also aus der Region kommt und eine Waschmaschine oder Spülmaschine besitzt, die beschlossen hat, ihren Arbeitsvertrag einseitig zu kündigen, darf gerne einmal bei Santa Ursula – Reparaturservice für Elektro- und Haushaltsgeräte vorbeischauen.
Das ist keine bezahlte Werbung.
Das ist eher:
„Der Mann hat freiwillig mein Dach gebaut. Ich darf jetzt wohl das Mindeste tun.“ 😂
Und deshalb ist dieses Dach für mich mehr als einfach ein Dach
Natürlich könnte ich jetzt schreiben, wie schön das Ergebnis geworden ist.
Und ja:
Ich finde es ziemlich geil.
Aber wenn ich heute darauf schaue, sehe ich eben nicht nur ein neues Dach.
Ich sehe fünf Menschen, die ihren Samstag geopfert haben.
Die in Schutzanzügen ein altes Dach abgetragen haben.
Die geschleppt, gehalten, gemessen, geschraubt und wahrscheinlich zwischendurch meine neuesten spontanen Optimierungsideen ertragen haben.
Und das ist alles andere als selbstverständlich.
Deshalb an dieser Stelle: Danke ❤️
Danke an Jaime, Marion, Levin und Andreas.
Für eure Zeit.
Für eure Hände.
Für eure Geduld.
Fürs Mitdenken.
Fürs Anpacken.
Und dafür, dass keiner von euch spätestens in dem Moment verschwunden ist, als die Wörter „Asbest“, „Schutzanzug“, „Dach“ und „Samstag“ gemeinsam in einem Satz gefallen sind.
Und natürlich noch einmal ein großes Dankeschön an Monika S., die unser Dachprojekt mit ihrer Spende unterstützt hat. ❤️
Eine bemerkenswerte Gemeinschaftsleistung.
Vor allem, wenn man mit mir baut.
Und am Ende?
Am Ende dieses Samstags standen wir da.
Müde.
Dreckig.
Mit Werkzeug überall.
Und vermutlich mit einer völlig neuen Wertschätzung für Kleidung, die nicht aus einem Schutzanzug besteht.
Aber über uns:
ein neues Dach.
Selbst gebaut.
Gemeinsam.
Und genau solche Geschichten gehören für mich genauso zum Möhrchenhotel wie Kaninchen, Salatberge, Check-ins und Köttelkontrollen.
Denn hinter den Gehegen, die ihr später auf unserer Website seht, steckt ziemlich viel Arbeit.
Aber manchmal steckt eben auch ein kompletter Samstag mit Menschen darin, die einfach sagen:
„Komm, wir machen das.“
Und dann machen wir das.
🥕🔨🐰
PS: Das Dach steht noch.
Es ist dicht.
Und niemand von uns hat anschließend angefangen, Crystal Meth zu kochen.
Projekt erfolgreich abgeschlossen.



